Das Horn im Mittelpunkt
03. Dezember 2025 | Christine Gehringer | Kritik
Beim Lehrerkammerkonzert am KONS verabschiedete sich Thomas Crome mit Musik von Brahms und seinen Zeitgenossen
Thomas Crome (Horn) beim Lehrerkammerkonzert am Karlsruher KONS - seine Kollegen (Andreas Knepper, Flöte, Megumi Sano, Klavier und als Gast Felix Treiber, Violine) applaudieren ihm. (Foto: Gehringer)
38 Jahre unterrichtete der Hornist Thomas Crome am KONS in Karlsruhe; jetzt verabschiedete er sich dort mit einem Konzert, das er gemeinsam mit Kollegen gestaltete. Im Mittelpunkt: Das Horntrio Es-Dur von Johannes Brahms.
Wer sich in Karlsruhe für Kammermusik, insbesondere für Bläser, interessiert - dem wird sehr wahrscheinlich der Name Thomas Crome schon einmal begegnet sein. Der aus Hannover stammende Hornist hat vielfältige Aufgaben im Karlsruher Konzertleben; er musiziert im Notos Bläserquintett, im Karlsruher Kammerensemble und im Orchestra Carolina, dessen Bläsersolisten immer wieder auch als eigenes Ensemble auftreten. Beim kürzlichen Konzert des Orchesters - „4 x Mozart“ - stand Thomas Crome am Dirigentenpult.
Große Orchester gehören aber ebenfalls zu den Stationen im Laufe seines Musikerlebens – so zum Beispiel das Rundfunksinfonieorchester Saarbrücken, die Frankfurter Oper, schließlich die Badische Staatskapelle, der er mehr als 30 Jahre als stellvertretender Solohornist angehörte.
Etwas länger noch, nämlich bemerkenswerte 38 Jahre, dauerte sein Wirken als Fachlehrer für Horn am Badischen Konservatorium in Karlsruhe. Und auch hier setzte er sich vielfältig ein: Etliche der dortigen Kammerkonzerte gingen auf seine Initiative zurück, so erfährt man von Sebastian Waldeck, dem stellvertretenden Leiter des KONS, in seiner kurzen Dankesrede. Thomas Crome war außerdem an der „Wiederbelebung“ des KONS-Sinfonieorchesters beteiligt und leitete das dortige Ensemble „Windkraft“.
Schon im September endete sein Dienst am KONS; nun verabschiedete er sich nochmals mit einem Kammerkonzert, das er gemeinsam mit Felix Treiber (Violine) und seinen KONS-Kollegen Andreas Knepper (Flöte) und Megumi Sano (Klavier) gestaltete. Den Gästen im gut besuchten Konzertsaal boten die vier Musiker ein reizvolles Programm.
Man hört Charles Koechlin (1867-1950), der aus einer elsässischen Familie stammte und vor allem auch für seine musiktheoretischen Schriften geschätzt wird, gelegentlich in Liederabenden - insgesamt aber doch eher selten. Mit den „Quatre Petites Pièces“ für Violine, Horn und Klavier bekam das Publikum jedoch einen Eindruck von der Musik dieses Komponisten, der in Paris bei Jules Massenet und Gabriel Fauré studierte.
Die wirkungsvollen Miniaturen, insgesamt dauern sie nicht einmal zehn Minuten, beginnen schwerelos im „Andante“ – mit einem Akkord im Klavier, dem Megumi Sano gleich Intensität gibt. Die Violine sinniert melancholisch, später mischt sich dezent das Horn darunter. Die folgenden Sätze („Très modèré“ und „Allegretto quasi andantino“) haben eine blühende Melodik: Sie sind durchzogen von feinen Figuren und Arpeggien im Klavier, Violine und Horn formen weite Bögen, im markanten „Scherzando“ kommt schließlich der Signal-Charakter des Horns zur Geltung.
Franz Doppler, 1821 in Lemberg geboren und ebenfalls selten zu hören, ließ sich in seinem „Souvenir du Rigi“ (für Flöte, Horn, Klavier und Handglocke) vom imposanten Schweizer Rigi-Massiv hoch über dem Vierwaldstätter See inspirieren, das er allerdings noch zu Fuß erkundete.
In diesem „Souvenir“ dialogisiert die Flöte mit dem Horn; die Szene umschreibt einen Hirten mit Flöte, der in diesem Fall aber wohl in der Hauptsache ein Virtuose zu sein scheint wie der Komponist selbst - und eher "so nebenbei“ die Kühe hütet. Irgendwo klingt zudem ein Alphorn.
Die Rolle des Hirten übernimmt Andreas Knepper: Die Figuren flirren; leicht hingeworfen umspielen sie das Klavier und glitzern zusammen mit dem Diskant, später fügt sich das Horn mit einer ruhevollen Melodie ein. Es beginnt ein ansprechender Dialog; man hört Jagdhorn-Rufe, und mit einer Fingerzimbel (nicht mit einer Handglocke) deutet schließlich Felix Treiber dezente „Kuhglocken“ an: Die vier bieten ein Schweizer Postkarten-Idyll vom Feinsten.
Thomas Crome spricht das Publikum dabei nicht nur mit seinem feinen, runden Ton an – sondern auch mit seinen klaren und präzisen (mit ein wenig trockenem Humor garnierten) Moderationen.
Dann folgt das Hauptwerk des Abends, das anspruchsvolle Trio Es-Dur op. 40: Brahms schrieb es eigentlich für Waldhorn, das er dem Ventilhorn vorzog. Die Entstehung dieses Trios ist übrigens eng mit dieser Region verbunden, denn bei seinen Spaziergängen rund um Baden-Baden, in der Nähe seiner Lichtentaler Wohnung, kam Brahms die Idee zum ersten Thema.
Doch zugleich ist das Werk auch eine musikalische Trauerbewältigung nach dem Tod seiner Mutter – vor allem im bewegenden Adagio. Dass das Horn in diesem Stück eine tragende Rolle spielt, wirkt außerdem wie eine Erinnerung an die Hamburger Kindheit: In seinem Elternhaus nämlich hatte Brahms auch das Horn erlernt. (Später, so erzählt Thomas Crome, war er an der Gründung des „Ersten Wiener Hornistenclubs“ beteiligt, den es als „Waldhornverein“ nach wie vor gibt).
Im Dezember 1865 war das Werk dann am Karlsruher Hoftheater zu hören – mit Brahms am Klavier und höchstwahrscheinlich mit Musikern der Hofkapelle.
Wieder fallen hier die zarten Hornrufe im Verbund mit der Violine auf, und vom Klavier aus agiert Megumi Sano souverän und mit weiten Bögen. Rastlos jagt das „Scherzo“ vorüber, bis im „Adagio“, dem Herzstück, dann eine völlige innere Sammlung eintritt: Aus dieser Trauermusik scheint alle Bewegung herausgenommen. Düster setzt das Klavier den Ton; Violine und Horn klagen gemeinsam, alles klingt zart, zerbrechlich und fahl. Es folgt ein kurzes Aufbäumen, danach wieder ein Zusammen-Sinken. Das Finale mit seinen Jagdhorn-Motiven bringt schließlich Erleichterung; es wirkt wie ein ein Neuanfang.
Großer Beifall für einen ungewöhnlichen Abend - und Dank an die Musiker.